„Normaler“ Wahnsinn
 

Humane-Balance

Es lebte einmal ein sehr gütiger König in einem Schloss hoch über einem kleinen Dorf auf einem Berg. Von dort aus konnte er sein ganzes Reich überblicken. Da er so gütig und großzügig war, liebten die Leute ihren König, - immer wieder brachten sie ihm Geschenke. Seinen Geburtstag feierten sie jedes Jahr mit einem rauschenden Fest. Besonders schätzten die Leute die außergewöhnliche Weisheit ihres Königs und sein gerechtes Urteilsvermögen.

Eines Tages brach ein schreckliches Unheil über das Königreich herein. Durch einen Meteoriteneinschlag wurde das Wasser radioaktiv verseucht und jeder Mann, jede Frau und jedes Kind wurden verrückt, denn alle tranken von dem verseuchten Wasser. Nur der König, der oben allein auf dem Berg lebte, blieb von der Geisteskrankheit verschont, da das Schloss über eine eigene kleine Quelle verfügte.

Schon kurz nach der Tragödie begannen die Leute hinter vorgehaltener Hand über ihren König zu tuscheln. Denn neuerdings fanden sie sein Verhalten recht seltsam. Seine Urteile erschienen ihnen lächerlich und seine Weisheit schien über Nacht verschwunden zu sein. Schnell war der König überhaupt nicht mehr beliebt. Keiner brachte mehr Geschenke, niemand wollte seinen nahenden Geburtstag feiern.

Der König war plötzlich ganz allein dort oben in seinem Schloss und fühlte sich schrecklich einsam. Niemand verstand ihn mehr, alle schüttelten nur mit dem Kopf, wenn er etwas sagte. So dachte er einen ganzen Tag und eine ganze Nacht über die veränderte Situation nach.

Früh am anderen Morgen ging er hinunter zu den Menschen in das Dorf und trank auf dem Marktplatz mit großen Schlucken aus einem Brunnen.

Noch in derselben Nacht feierten die Dorfbewohner ein großes, rauschendes Fest. Sie waren begeistert, dass ihr König urplötzlich wieder zur Vernunft gekommen war.
 
(Quelle: Marco Aldinger, Ko(s)misches Bewusstsein, Heuweiler 2004)